Toxische Freundschaften erkennen Lesezeit ca. 8 Minuten
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Last Updated on 9. April 2021 by Annika Felber

Toxische Beziehungen erkennen: Teil 3 – Toxische Freundschaften

Toxische Dynamiken haben viele Gesichter. Sie sind nicht nur in Paar- oder Familienbeziehungen zu finden. Auch Freundschaften können toxisch sein.

Toxische Freundschaften zeichnen sich vor allem dadurch aus, dass sie jede Menge Energie kosten. Sie nehmen Ihnen mehr als sie Ihnen geben. Und doch halten Sie an einer solchen Freundschaft fest und stehen parat, wenn XY Sie wieder braucht. Manchmal wissen Sie vielleicht selbst gar nicht so genau, warum.

Wenn eine Freundin Sie permanent belügt, Sie bestiehlt oder hinter Ihrem Rücken mit Ihrem Partner oder Ihrer Partnerin schläft, können wir uns sicher schnell darauf einigen, dass diese Beziehung Ihnen nicht gut tut. Vermutlich kehren Sie einer solchen Person schneller den Rücken zu, als diese bis zehn zählen kann.

Doch was ist mit all den Grenzfällen, mit denen Sie sich täglich umgeben?

Ist eine Freundschaft, in der Sie Ihrer Freundin regelmäßig zwei Stunden zuhören, während diese in den letzten fünf Minuten des Gesprächs nur sehr halbherzig nach Ihren Befindlichkeiten fragt, toxisch? Und wie verhält es sich mit einer Freundin, die seit Jahren Single ist und permanent versucht, Ihnen Ihren Partner madig zu machen?

Wann ist eine Freundschaft noch gesund und wann ist sie bereits toxisch? Warum begeben wir uns in toxische Freundschaften und was können wir tun, wenn wir feststellen, dass wir uns in einer toxischen Freundschaft befinden?

Was zeichnet eine toxische Beziehung aus?

In meinem Artikel Toxische Beziehungen erkennen: Teil 1- Paarbeziehungen habe ich bereits ausführlich erläutert, was eine gesunde von einer toxischen Beziehung unterscheidet. Hier noch einmal zwei zentrale Aspekte in aller Kürze:

Die eine Definition für toxische Beziehungen gibt es nicht

Die Bezeichnung ‚toxische Beziehung‘ ist kein wissenschaftlicher Begriff. Diese Tatsache bringt allerlei Schwierigkeiten mit sich. Da Sie diesen Beitrag höchstwahrscheinlich lesen, weil Sie nach praktischen Tipps suchen und nicht nach einer wissenschaftstheoretischen Grundsatzdebatte, ist für Sie vermutlich folgender Umstand entscheidend:

Sie können nicht einfach einen Diagnosekatalog wie den ICD aufschlagen, um zu schauen, ob Sie sich in einer toxischen Beziehung befinden oder nicht. Sie können lediglich Indizien sammeln. Und dabei würde ich Sie gern unterstützen.

Toxische Dynamiken Freundschaft
Toxische Freundschaften haben viele Gesichter

Im Rahmen meine Arbeit als Coachin und Beraterin habe ich daher folgende Definition für toxische Beziehungen entwickelt:

Unter toxischen Beziehungen verstehe ich all jene Formen zwischenmenschlicher Beziehungen (Paarbeziehungen, Freundschaften, Beziehungen zu Kollegen und Eltern usw.), die einem oder beiden Beziehungspartnern dauerhaft physischen und/oder psychischen Schaden zufügen. Sie sind gekennzeichnet durch emotionale Abhängigkeit und hindern einen oder beide Parteien daran, in der Beziehung ein ausgewogenes Maß an Autonomie und Bindung leben zu können.

Dieser Versuch einer Definition ist nicht als „Letztantwort“ zu verstehen, aber möglicherweise kann er Ihnen auf der Indiziensuche als Kompass dienen.

Den einen toxischen Menschen gibt es nicht

Hier kommen unterschiedliche Ansätze zu unterschiedlichen Ergebnissen. Basierend auf meinen Beobachtungen, die ich täglich im Rahmen meiner Beratungstätigkeit mache, komme ich immer wieder zu dem Schluss, dass es den einen toxischen Menschentyp, der per se jede Beziehung vergiftet, nicht gibt.

Ich verfolge vielmehr die Hypothese, dass Dynamiken und Strukturen toxisch sind – nicht Menschen. Das heißt, dass beide Parteien die toxische Beziehung aktiv am Leben erhalten. Für toxische Freundschaften bedeutet das:

Toxische Freundschaft als Schlüssel Schloss Prinzip
Toxische Freundschaften:
Der Schlüssel findet sein Schloss

Wenn Paula ein Mensch ist, der mehr nimmt, als er gibt, dann ist die Person Paula für sich allein betrachtet nicht automatisch toxisch. Wenn Paula nun aber auf Marie stößt und Marie jemand ist, der grundsätzlich mehr gibt, als er nimmt, treffen quasi Schlüssel und Schloss aufeinander. Der eine, der toxisch nimmt, passt perfekt zu dem anderen, der toxisch gibt. Das langfristige Ergebnis kann eine toxische Dynamik sein.

Diese ist im Übrigen nicht nur für Marie schwierig. Auch eine Paula, die nur gelernt hat zu nehmen, wird auf Dauer nicht in der Lage sein, eine erfüllende Beziehung zu führen. (Mehr über das Thema ‚Nehmen und Geben‘ finden Sie in meinem Artikel Destruktive Beziehungsmuster erkennen und überwinden.)

Toxische Freundschaften: Zwei klassische Beispiele

Wenn Sie diesen Beitrag lesen, vermuten Sie wahrscheinlich bereits, dass auch Sie in Ihrem Leben eine toxische Freundschaft führen. Toxische Freundschaften haben ebenso wie toxische Paarbeziehungen viele Gesichter, dennoch gibt es ein paar Klassiker. Zwei davon möchte ich Ihnen gern vorstellen:

Toxische Freundschaften: Energievampir und Helferlein

In dieser Freundschaft sind die Rollen klar verteilt. Der eine Part benötigt permanent Hilfe und fordert diese vehement und mit großem Leidensdruck ein. Der zweite Part stellt diese zur Verfügung.

Paula und Marie fallen in diese Kategorie. Die toxische Dynamik äußert sich bspw. darin, dass Paula stundenlang von ihren (großen oder groß gemachten) Problemen erzählt, während Marie brav zuhört, nickt, bestätigt, tröstet und nach Lösungen sucht.

Wenn Marie Glück hat, fragt Paula am Ende des Tages auch einmal anstandshalber nach der Befindlichkeit von Marie. Allerdings ist Paula so sehr mit sich beschäftigt, dass Marie spürt, dass es sie nicht wirklich interessiert.

Toxische Freundschaften Beispiel Energievampir
Toxische Freundschaft:
Energievampir und Herferlein

Also bleibt Marie wortkarg und widmet sich lieber wieder Paulas Themen. Das hat auch für Marie Vorteile: Sie kann sich verstecken, bemitleiden und muss obendrein nicht über sich selbst nachdenken. Und gebraucht wird sie auch.

In toxischen Freundschaften dieser Art fallen häufig Aussagen wie: „Was würde ich nur ohne dich tun?“ oder „Du bist alles für mich!“

Eine Paula sendet implizit immer wieder die Botschaft „Lass mich nicht allein“. Sie klammert und fordert Dauerpräsenz und suggeriert, nicht ohne ihr Gegenüber existieren zu können. Umso überraschender ist es dann oft für die Maries dieser Welt, wenn Paula sich ganz plötzlich abwendet und eine neue beste Freundin hat. Meist hat auch Marie schnell eine neue Freundschaft. Sie braucht es schließlich, gebraucht zu werden.

Häufig führen Energievampir und Helferlein eine Freundschaft, die eher einer Partnerschaft als einer Freundschaft gleicht. Eifersucht und Verlustangst spielen in dieser Form der toxischen Freundschaft eine große Rolle. Häufig geraten solche Freundschaften daher in eine große Krise, wenn eine der Freundinnen eine Partnerschaft eingeht.

Toxische Freundschaften: Prinzessin und Aschenputtel

Auch in dieser Freundschaft gibt es eine klare Rollenverteilung. Die Prinzessin ist permanent auf der Suche nach Anerkennung und Bestätigung. Sie steht gern im Mittelpunkt, übertönt und übertrumpft die Freundin an ihrer Seite. Gern sucht sich die Prinzessin eine Freundin, die sich dezent im Hintergrund hält und neben der sie (nicht nur optisch) glänzen kann.

Toxische Freundschaften Beispiel Prinzessin
Toxische Freundschaft:
Prinzessin und Aschenputtel

Zumeist bewundert Aschenputtel ihre Freundin und will eigentlich so sein wie sie, traut sich aber nicht. So bleibt sie in ihrem Schatten stehen und ordnet sich unter. Sie erduldet, dass die Prinzessin sie, ihre beruflichen Leistungen, ihren Mann und ihre Kinder schlecht macht. Erstaunlich ist, dass Aschenputtel nicht selten, objektiv betrachtet, erfolgreicher ist als die Prinzessin.

Was auf den ersten Blick sehr einseitig erscheinen mag, hat für beide einen (fragwürdigen, aber zunächst durchaus logischen) Nutzen: Die Prinzessin bekommt Anerkennung. Aschenputtel bekommt das Mitgefühl Dritter.

Toxische Freundschaften: 10 Anzeichen

Damit Sie einschätzen können, ob auch Sie eine toxische Freundschaft als Enegievampir, Herflerlein o.ä. führen, habe ich Ihnen 10 Anzeichen für toxische Freundschaften zusammengestellt. (Wenn Sie weitere Anregungen dazu haben sollten, freue ich mich über Ihre Ideen und Anregungen in den Kommentaren.)

  • Ihre Freundin fordert permanent sehr viel Hilfe und Unterstützung ein, ohne selbst welche zu geben.
  • Ihre Freundin braucht permanent Bewunderung und Anerkennung und scheut nicht davor zurück, Sie hierfür „klein zu machen“.
  • Ihre Freundin ist in der Opferrolle gefangen. Sie macht sich unsichtbar, meckert dann aber, dass Sie sie nicht sehen.
  • Ihre Freundin erhascht von Dritten Mitleid, indem sie dort Ihr vermeintlich rücksichtsloses Verhalten schlecht redet.
  • Ihre Freundin setzt Sie emotional unter Druck und will Sie ganz für sich haben. Dafür macht Sie z.B. Ihren Partner oder andere Freundinnen schlecht.
  • Ihre Freundin redet Ihnen Ihr Leben schlecht.
  • Ihre Freundin reagiert empfindlich auf Kritik. Plötzlich ist sie gar nicht mehr wehrlos, sondern kann extrem fies werden.
  • Ihre Freundin benutzt Sie als als Partner- bzw. Elternersatz und wird schnippisch und strafend, wenn Sie bspw. Grenzen setzen.
  • Ihre Freundin ist missgünstig und eifersüchtig, anstatt sich für Sie zu freuen.
  • Ihre Freundin wendet sich abrupt und ohne ein Gespräch von Ihnen ab und trumpft von einem Tag auf den anderen mit einer neuen besten Freundin auf.

Toxische Freundschaften retten: 3 Schritte

Schritt 1: Einsicht und Reflexion

Zunächst ist es wichtig, dass Sie sich im Klaren darüber werden, dass eine toxische Freundschaft nur dann entstehen kann, wenn Schlüssel und Schloss aufeinandertreffen. Hinterfragen Sie ergebnisoffen und unvoreingenommen, welchen Part Sie in der Freundschaft spielen und welchen Nutzen Sie von Ihrem Part haben.

Freundschaft reflektieren
Toxische Freundschaften retten:
eigene Muster reflektieren

Manchmal ziehen wir einen Nutzen aus einer Beziehung, der auf den ersten Blick nicht unbedingt wie ein Nutzen aussehen mag. In meinem Beitrag Toxische Beziehungen erkennen: Teil 2 – Familienbeziehungen gehe ich ausführlich darauf ein, welchen Nutzen wir bspw. daraus ziehen, Beziehungsstrukturen, die wir in unserer Herkunftsfamilie gelebt haben, in späteren Beziehungen weiterzuführen.

Wenn Sie Ihren Part in der toxischen Freundschaft reflektiert haben und den Wunsch verspüren, neue Wege zu gehen, können Sie den zweiten Schritt gehen.

Schritt 2: Miteinander reden

Sprechen Sie offen mit Ihrer Freundin. Vielleicht sieht sie ihre Probleme auch, hatte aber bisher nicht den Mut, Sie darauf anzusprechen. Vielleicht möchte auch sie ihre bisherigen Beziehungsmuster durchbrechen und an sich und der Freundschaft arbeiten.

Schritt 3: Aneinander wachsen oder getrennte Wege gehen

Wenn Ihre Freundin ebenfalls bereit ist, ihre Freundschaftsmuster zu verändern, haben Sie eine tolle, einmalige Chance, aneinander zu wachsen. Denn niemand kann Ihnen besser zeigen, was Sie noch zu lernen haben, als Ihr ganz persönlicher Schlüssel.

Ungesunde Freundschaft retten
Toxische Freundschaften retten:
miteinander reden

Wenn Ihre Freundin jedoch nur Bahnhof versteht und weiterhin die alleinige Schuld bei Ihnen sucht, sollten Sie beide vielleicht besser getrennte Wege gehen. Toxische Dynamiken können nur dann gelöst werden, wenn beide Parteien dazu gewillt sind. Und selbst dann gibt es keine Garantie.

Das ist kein Beinbruch, schließlich gibt es da draußen noch genug andere Menschen, mit denen Sie eine „gesunde“ Freundschaft eingehen können. Doch bleiben Sie dabei immer wachsam, was Ihre eigenen Muster und Motive anbelangt 😉 .

Fazit

Toxische Beziehungen haben ganz unterschiedliche Gesichter. Das gilt auch für toxische Freundschaften. Allen gemein ist jedoch ihre ungesunde Dynamik, die beiden Parteien auf lange Sicht nicht gut tut.

Und dennoch halten Freundinnen häufig über eine lange Zeit an einer toxischen Freundschaft fest. Ein Grund hierfür ist, dass es nicht den einen toxischen Menschen gibt. Vielmehr haben beide Beteiligten einen Nutzen von ihrer Verbindung.

An giftigen Freundschaften wachsen
Toxische Freundschaften retten:
gemeinsam wachsen

Nicht selten liegt der Nutzen darin, alte Strukturen, die man aus der Kindheit kennt (z.B. im Schatten stehen, mehr nehmen als geben, unfähig zu sein zu geben), weiterzuführen. Und genau da liegt die gute Nachricht:

Eine toxische Freundschaft, die von beiden Seiten reflektiert wird, kann eine große Chance sein, aneinander zu wachsen. Schließlich kann Ihnen niemand besser als Ihr persönlicher Schlüssel bzw. Ihr persönliches Schloss Ihnen zeigen, was es für Sie im Leben noch zu lernen gibt.

Sind die Bemühungen jedoch einseitig, ist es besser, die Freundschaft aufzulösen und sich auf die Suche nach Bindungen zu machen, an denen Sie wachsen und sich weiterentwickeln können.

Bildquelle pixabay: Hände Freunde © sweetlouise; Gasmaske © Daniel Dan outsideklick; Schlüssel © Free-Photo; Krone © Pexels; Vampir © lloorraa; Schaukeln © Bianca Mentil; Telefonat © MelanieSchwolert; Freu(n)de © Free-Photos

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2 Kommentare

  1. Danke für den Beitrag ! Das Schlüssel-Schloss-Prinzip, genau darum geht es… Ich suche gerade nach Antworten, da ich mich wohl in einer Toxischen ( evtl auch mit narzisstischen Anteilen), und mich kurz vor dem sog. Abschuss befinde. Ich habe eine Situation verlassen, in der wir beide von einander profitierten. Vor dem Auszug ( waren mit unseren Pferden in einem Reitstall), fragte ich mich sehr konkret, ob wir wohl weiterhin befreundet bleiben oder unsere Freundschaft ohne den Stall weiter besteht. Sie hat jetzt ein anderes „Helferlein“ und wirft mir seit 3 Monaten kleine Krümel an Freundschaftsangeboten hin, interessiert sich aber eigentlich nicht mehr für mich. Meldet sich nur wenn sie mich als Babysitterin braucht ( Reitstunde) und lässt mich ansonsten links liegen. Das ist schrecklich, aber mein 2. Fall, aus dem ich gelernt habe. Ich werde sie darauf ansprechen , aber ich denke, dass es das gewesen ist. Ich helfe, bin empfänglich für Stimmungen und empathisch. Arbeite aber an mir und habe gelernt Grenzen zu setzen und nicht alles zu tun um geliebt zu werden. Inneres Kind ect…
    Es tut zwar weh und stimmt mich traurig aber ich bleibe da bei mir. Wenn das Gespräch gut sein sollte, schauen wir was die Freundschaft noch mit sich bringt. Wenn nicht : klarer Ausstieg aus der vermeintlichen Freundschaft, die ja keine ist.

    1. Liebe Lola, vielen Dank, dass du einen Kommentar dagelassen hast! „die ja eh keine ist“ trifft es sicher ganz gut. Das ist glaube ich genau der Punkt. Viele bleiben in Freundschaften, die nicht gut für sie sind, weil sie Angst vor Einsamkeit haben. Dabei sind sie schon die ganze Zeit einsam. es gibt also eigentlich nichts zu verlieren, nur etwas zu gewinnen: nämlich die Chance, in die Verantwortung zu gehen und sich Menschen zu suchen, die einem persönlich gut tun!

      Alles Liebe für dich,
      Annika

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