Toxische Familienbeziehungen erkennen Lesezeit ca. 9 Minuten
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Last Updated on 26. April 2021 by Annika Felber

Toxische Beziehungen erkennen: Teil 2 – Familienbeziehungen

Haben Sie sich das dritte Mal in einen Narzissten verliebt? Sind Sie als Single durchaus selbstbewusst, machen sich dann aber in Paarbeziehungen klein und verlieren jegliche Autonomie?

Stellen Sie in Freundschaften Ihre Bedürfnisse immer hinter die der anderen? Sind Sie in Ihrem Betrieb immer derjenige, der vom Chef angerufen wird, wenn Not am Mann ist? Oder sind Sie immer länger im Büro als Ihre Teamkolleg*innen, weil sich immer alle auf Sie verlassen?

Wenn Sie eine oder mehrere Fragen mit einem lauten „Jaaa, verdammt!“ beantworten, dann ist meine Beitragsreihe über toxische Beziehungen vielleicht genau das Richtige für Sie.

In meinem ersten Beitrag dieser Reihe habe ich mich bereits mit toxischen Paarbeziehungen beschäftigt. Dieses Mal dreht sich alles um den möglichen Endgegner im Kampf gegen den Hang zu toxischen Beziehungsstrukturen im Erwachsenenalter: toxische Beziehungen innerhalb der Herkunftsfamilie.

Ich gebe Antworten auf folgende Fragen:

  • Was macht toxische Familienbeziehungen aus?
  • Was unterscheidet sie von außerfamiliären toxischen Beziehungen?
  • Welche Erscheinungsformen können toxische Familienbeziehungen annehmen?
  • Warum kann es sinnvoll sein, sich mit der eigenen Familiengeschichte auseinanderzusetzen? Und wie kann das funktionieren?

Toxische Familienbeziehungen: Unterschiede zu außerfamiliären (toxischen) Beziehungen

Toxische Familienbeziehungen können ganz unterschiedliche Gesichter haben. Wie für jede andere außerfamiliäre toxische Beziehung gilt auch hier:

Jede Beziehung – egal ob zu Mutter, Großmutter, Vater, Geschwistern etc. – kann eine destruktive Dynamik annehmen.

Toxische Familienbeziehungen als besondere Form der toxischen Beziehung
Toxische Familienbeziehungen:
eine besondere Form der toxischen Beziehung

Die Strukturen von destruktiven Dynamiken in Familien unterscheiden sich zumeist nur wenig von außerfamiliären Erscheinungsformen. Und doch ist und bleibt die Beziehung zur Herkunftsfamilie eine ganz besondere Beziehung, die sich in vielerlei Hinsicht von anderen sozialen Beziehungen unterscheidet.

Im Hinblick auf toxische Beziehungen sind m.E. vor allem drei Unterschiede zwischen außerfamiliären und familiären Beziehungen hervorzuheben:

  1. Als Kind sind wir auf die körperliche und seelische Versorgung durch unserer Eltern (bzw. Erziehungsberechtigte) angewiesen. Wir befinden uns also per se in einer Abhängigkeitsbeziehung zu ihnen.
  2. Diese Abhängigkeitsbeziehung sind wir nicht freiwillig eingegangen. Die Beziehung zu unseren Eltern und allen anderen Familienmitgliedern sind vielmehr natürliche Beziehungen.
  3. So unterschiedlich psychologische Ansätze in Ihren Erklärungsmodellen auch sein mögen, hier sind sich alle Schulen einig: Die Bindungsmuster unserer Kindheit beeinflussen die Bindungsmuster unseres Erwachsenenalters.
Toxische Familienbeziehungen prägen unsere Bindungen
Familienbeziehungen prägen unsere späteren Beziehungsmuster

Im Kampf um ein Leben in konstruktiven, gesunden Beziehungen sind unsere Familie bzw. die dort erlernten Beziehungsstrukturen also mit großer Wahrscheinlichkeit unser „Endgegner“.

Woran erkenne ich toxische Familienbeziehungen?

Im Rahmen meiner Arbeit definiere ich eine toxische Beziehung ganz allgemein zunächst wie folgt:

Unter toxischen Beziehungen verstehe ich all jene Formen zwischenmenschlicher Beziehungen (Paarbeziehungen, Freundschaften, Beziehungen zu Kollegen und Eltern usw.), die einem oder beiden Beziehungspartnern dauerhaft physischen und/oder psychischen Schaden zufügen. Sie sind gekennzeichnet durch einen Mangel an Gleichberechtigung und hindern einen oder beide Parteien daran, in der Beziehung ein ausgewogenes Maß an Autonomie und Bindung leben zu können.

(Schauen Sie in Ergänzung hierzu gern auch in meine Artikel „Ich kann nicht gehen!” Toxische Beziehungen und ihre Auswirkungen oder „Gehen oder bleiben?” Kann man eine toxische Beziehung retten?)

Wie Sie gesehen haben, handelt es sich bei familiäre Beziehungen um sehr besondere Beziehungen. So liegen denn toxischen Familienbeziehungen im Prinzip die gleichen Merkmale zugrunde, die per Definition auch für jeder anderen Form der ungesunden Beziehung gelten.

Doe richtige Ordnung ist in Familienbeziehungen wichtig
Toxische Eltern-Kind-Beziehungen:
wenn die Ordung nicht stimmt

Allerdings spielen die folgenden drei Merkmale in toxischen Familienbeziehungen zusätzlich eine besonders große Rolle:

  1. Zugehörigkeit: In einer toxischen Familienbeziehung liegt kein oder ein zu geringes Gefühl der Zugehörigkeit vor. Einzelne Familienmitglieder werden von der Familie nicht als solche anerkannt.
  2. Ordnung: In einer toxischen Beziehung innerhalb der Familie stimmt die Ordnung nicht. Eltern nehmen Kinderrollen ein und umgekehrt. Die empfundene Geschwisterhierarchie entspricht nicht der tatsächlichen Hierarchie.
  3. Ausgleich: Eine toxische Familienbeziehung zeichnet sich dadurch aus, dass es keinen oder keinen ausreichenden Ausgleich zwischen den betroffenen Mitgliedern gibt. So geben Kinder bspw. dauerhaft mehr als die Eltern oder ein Kind bekommt mehr bzw. weniger Aufmerksamkeit oder Fürsorge als andere Geschwister.
Toxische Familienbeziehungen: Wenn der Ausgleich nicht stimmt
Toxische Familienbeziehungen:
wenn der Ausgleich nicht stimmt

Die Systemprinzipien Zugehörigkeit, Ordnung und Ausgleich sind zugegebener Weise auf den ersten Blick ziemlich abstrakt. Um ihnen mehr Form zu geben, möchte ich daher exemplarisch auf einige konkrete Beispiele für toxische Familienbeziehungen eigehen.

Toxische Familienbeziehungen: Beispiele für Erscheinungsformen

Toxische Eltern-Kind-Beziehungen

Die eindeutigste Form einer toxischen Eltern-Kind-Beziehung ist die, in der einem Kind durch seine Mutter oder seinen Vater körperliche oder sexuelle Gewalt zugefügt wird. Diese Form ist (zumeist) nach außen sichtbar und verhältnismäßig trennscharf.

Die Langzeitfolgen kindlicher Gewalterfahrungen reichen z.B. von schweren posttraumatischen Belastungsstörungen über Drogenmissbrauch bis hin zu massiven Bindungsstörungen (hierzu zählt m. E. auch eine höhere Toleranz gegenüber toxischen Beziehungen im Erwachsenenalter).

Doch nicht nur körperliche und sexuelle Gewalt haben Auswirkungen auf unser Bindungsverhalten als Erwachsene. Auch psychische Gewalt, emotionaler Missbrauch sowie anderweitige „Störungen“ in Familienbeziehungen beeinflussen uns darin, wie wir uns in späteren Beziehungskonstellationen typischerweise verhalten.

Unsichtbares Kind
„Unsichtbar machen”:
eine mögliche Folge von toxischen Familienbeziehungen

In diesen „unsichtbaren“ Bereichen ist die Unterscheidung in „toxisch“ und „nicht toxisch“ häufig weniger trennscharf möglich. Oft sind Betroffene daher auch viele Jahre oder Jahrzehnte nach ihren Erlebnissen schockiert oder ungläubig, wenn ihnen bewusst wird, wie schwerwiegend ihre Familienbeziehungen für ihre Entwicklung waren und wie sehr das Erlebte auch Jahre später noch schmerzt.

Hilf mir! Wenn Eltern psychische Erkrankungen, Suchterkrankungen oder Persönlichkeitsstörungen aufweisen

Wachsen Kinder an der Seite von Eltern auf, die psychische Erkrankungen, Suchterkrankungen und/oder Persönlichkeitsstörungen aufweisen, ist die Wahrscheinlichkeit groß, dass diese Kinder früher oder später in die Rolle des Erwachsenen rutschen. Die Ordnung in der Eltern-Kind-Beziehung gerät aus den Fugen. Dieses Phänomen wird Parentifizierung genannt.

So ist eine (unbehandelte) depressive Mutter z.B. mit dem Alltag überfordert, so dass ihr Kind bzw. ihre Kinder vermehrt den Alltag managen. Darüber hinaus beginnen Kinder (unbehandelter) depressiver oder angsterkrankter Eltern häufig, sich unsichtbar zu machen. Sie verbergen eigene Sorgen und Bedürfnisse und brillieren mit dauerhafter guter Laune, um Mama oder Papa zu entlasten.

Lass mich nicht allein! Wenn Eltern einen Partnerersatz suchen

Nicht immer muss eine psychische Erkrankung, eine Suchterkrankung oder eine Persönlichkeitsstörung vorliegen, damit die Ordnung in Eltern-Kind-Beziehungen ins Wanken gerät.

Manchmal reicht es schon völlig aus, wenn ein Elternteil nach einer einschneidenden Veränderung wie einer Trennung oder einem Tod des Partners beginnt, sein Kind als Partnerersatz zu benutzen. Dies geschieht natürlich nicht bewusst oder gar mit böser Absicht, schadet dem Kind jedoch in seiner Bindungsentwicklung enorm.

Parentifizierung in toxischen Familienbeziehungen
Parentifizierung in toxischen Eltern-Kind-Beziehungen:
wenn Kinder zu Eltern werden

Das Kind kann mit seinen kindlichen Bedürfnissen nicht andocken, weshalb es nach und nach den Bezug zu den eigenen Bedürfnissen verlieren kann. Es macht sich in seiner Rolle als Partnersatz größer, als es ist.

Darüber hinaus kann das Kind in der Beziehung zu Mutter oder Vater kein gesundes Maß an Autonomie und Bindung leben. Da das Kind permanent das Gefühl hat, dringend gebraucht zu werden, ist es immer zur Stelle und hat wenig Raum für sich und seine Wünsche.

Ich fürchte mich um dich! Wenn Eltern zu Helikoptern werden

Doch nicht nur unterschiedliche, meist subtile Hilfeaufrufe können sich toxisch auf Kinder auswirken. Ebenso kann eine tendentiell (über)besorgte und perfektionistisch ausgerichtete Erziehung zu einer problematischen Eltern-Kind-Beziehungen führen.

Denn auch hier stimmt – zumindest aus systemischer Sicht – der Ausgleich zwischen Autonomie und Bindung nicht. Kinder von sogenannten Helikoptereltern (einige Schweizer Zahlen hierzu finden Sie in diesem Artikel) erfahren ähnlich wie Partner-Ersatz-Kinder ein hohes Maß an Bindung, haben jedoch kaum bis wenig Raum für Autonomie.

Sie lernen, sich den Wünschen ihres Gegenübers anzupassen und es ihm immer recht zu machen. Die Angst, Fehler zu machen und zu enttäuschen, ist häufig enorm.

Toxische Geschwisterbeziehungen

Nicht nur Beziehungen zwischen Eltern und Kindern können toxische Dynamiken annehmen. Auch Beziehungen zwischen Geschwistern können sich zu destruktiven Beziehungen entwickeln.

Toxische Geschwisterbeziehungen
Sekundäre toxische Beziehungen in Familien:
toxische Geschwisterbeziehungen

Allerdings handelt es sich hierbei m.E. eher um eine sekundäre toxische Beziehung, denn das eigentliche „Problem” liegt zumeist nicht auf Geschwister- sondern auf Elternebene.

So kann es bspw. passieren, dass Beziehungen zu erkrankten, verhaltensauffälligen und gehandicapten Geschwistern auf der einen oder glorifizierten Geschwistern auf der anderen Seite eine ungesunde Dynamik annehmen können, da sich andere Geschwister unsichtbar oder ungeliebt und damit unzugehörig fühlen. Ein ähnliches Phänomen kann bei Adoptiv- oder Pflegekindern auftreten.

Hierbei sind jedoch weniger die Geschwister das Problem als vielmehr die Eltern, die nicht alle Kinder gleich „gut” in Ihrem Blick haben.

Lösungswege aus toxischen Familienbeziehungen

Die erlernten Beziehungsstrukturen verbinden uns wie ein unsichtbares Band mit unserer Familie. Meiner Erfahrung nach ist dieses Band niemals ganz zu lösen. Für Menschen, die toxische Familienbindungen erlebt haben, ist es daher eine große Herausforderung, mit dieser lebenslangen Prägung einen guten Umgang zu finden.

(Vielleicht könnte in diesem Zusammenhang auch dieser Artikel über Selbstcoaching in 6 Schritten interessant für Sie sein)

Die gute Nachricht ist: Wenn man das Band auch nicht in Gänze lösen kann, so kann man es doch sichtbar machen.

Vielleicht erinnern Sie sich noch an folgendes Experiment aus dem Physikunterricht: Man nimmt ein Blatt Papier, streut etwas Eisenspäne darauf und hält dann einen Stabmagneten unter das Blatt. Sogleich wird das Magnetfeld in Form der Eisenspäne sichtbar.

Versöhnung
Wege aus toxischen Beziehungsmustern:
versöhnliche Reflexion der eigenen Familienhistorie

Der Stabmagnet ist, wenn Sie so wollen, Ihre Familie, welche ein bestimmtes Bindungsmuster besitzt. Ihre Aufgabe ist es, diese spezifischen und individuellen Muster sichtbar zu machen. In der Lösung destruktiver Beziehungsmuster geht es also in erster Linie um eine Bewusstwerdung Ihrer erlernten Beziehungsstrukturen.

Hierbei ist ein wohlwollender und versöhnlicher Blick auf Ihre Familie hilfreich. Eltern lieben ihre Kinder! Und wenn sie nicht zu den 500.000 Psychopathen gehören, die schätzungsweise in Deutschland leben, dann haben sie mit Sicherheit ihr Bestes gegeben.

Aber auch sie haben Prägungen aus ihrer Kindheit, die sie in ihr Eltern-Ich mitgenommen haben. Und was auch immer sie getan oder auch nicht getan haben: Es hat gewiss nichts mit Ihnen als Person zu tun, sondern mit den Prägungen aus ihrer eigenen Geschichte.

Fazit

Die Besonderheit von Familienbeziehungen besteht darin, dass sie im Gegensatz zu allen anderen sozialen Beziehungen eine Abhängigkeit und Unfreiwilligkeit mit sich bringen. Darüber hinaus prägen die Beziehungsmuster, die wir als Kinder erlernen, die Muster, die wir später als Erwachsene in Beziehungen leben.

Dementsprechend kann man toxische Familienbeziehungen als Ursprung späterer Wiederholung toxischer Bindungen (z.B. toxische Paarbeziehungen oder toxische Freundschaften) sehen. Ein wohlwollender Blick in die eigene Familienhistorie kann daher durchaus sinnvoll sein, wenn man bemerkt, dass man einen Hang zu toxischen Beziehungen hat.

Neue Wege gehen
Toxische Beziehungen in Familien:
Als Erwachsener haben wir die Freiheit, uns zu lösen

Nicht selten ist die Bewusstwerdung der eigenen Rolle und der Beziehungsdynamiken in der Herkunftsfamilie ein wichtiger Schritt in ein Leben, das durch konstruktive und nicht durch destruktive Beziehungen geprägt ist.

Wichtig:

Nur weil ein Mensch in seiner Kindheit eine wie auch immer geartete destruktive Familienbeziehung erlebt hat, wird er nicht zwangsläufig im Erwachsenenalter in toxische Beziehungen geraten. Der Grund hierfür liegt in einer Vielzahl komplexer Verzahnungen, von denen viele noch nicht erforscht werden konnten. (Spannend ist in diesem Zusammenhang z.B. das Thema Resilienz.)

Im Umkehrschluss gilt ebenfalls, dass nicht jeder Mensch, der in eine toxische Paarbeziehung oder Freundschaft gerät, automatisch toxische Familienbindungen aufweist. Manchmal reicht es schlicht, ein empathischer, gefühlvoller Mensch zu sein, um bspw. in eine Dynamik mit einem sogenannten Narzissten zu geraten.

Und doch ist zu beobachten, dass zwar grundsätzlich jeder Mensch in toxische Beziehungen geraten kann, dass jedoch Menschen mit einer belasteten Biografie bzw. Menschen, die diese Rolle aus der Herkunftsfamilie kennen, sich schwerer aus einer solchen Bindung lösen können, wenn sie erst einmal hineingeraten sind.

Bildnachweise pixabay: Familiengenerationen © klimkin; Frau auf Schutt © Engin Akyurt; Becher © congerdesign ; Herzschnur © Bruno /Germany; Waage Äpfel © Th G; unsichtbar © Benjamin Balazs; Rollentausch © Ryan McGuire; Portrait © Szilárd Szabó; Versöhnung © wal_172619; Aufbruch © press ? and ⭐

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