Umdenken mit systemischen Methoden

Als „Systemikerin“ bin ich bemüht, Gegenstände aus möglichst vielen unterschiedlichen Perspektiven zu betrachten. Wie ich bereits in meinem Beitrag „Warum es eigentlich keine kranken Menschen gibt“ erörtert habe, werden psychische Erkrankungen und ihre Symptome von der Mehrheit der Fachwelt (und der Nicht-Fachwelt) folgendermaßen betrachtet: Depressionen, Angststörungen etc. werden als im Individuum verortete „tatsächliche” Dinge gesehen. Ziel einer Heilung ist es, sie wie Unkraut aus dem Körper bzw. aus der Psyche auszurupfen. Für den Prozess des Ausrupfens stehen unterschiedliche Methoden wie bspw. Psychotherapien oder Medikamente zur Verfügung.

Diese Betrachtungsweise ist m.E. immer dann sinnvoll, wenn Menschen mit dieser Herangehensweise geholfen werden kann. Doch was ist mit den Menschen, denen diese Perspektive und die damit verknüpften Methoden nicht helfen? Müssen sich die Betreffenden mit ihrem Schicksal abfinden und sich mit ihrer psychischen Erkrankung lebenslang arrangieren – so wie es bspw. der Diabetiker muss? Nein! Im Folgenden möchte ich Ihnen zeigen, dass es andere Möglichkeiten gibt, psychischen Erkrankungen zu begegnen.

Destruktion des Krankheitsbegriffs

Für eine neue Perspektivierung kann es (in Anlehnung an bspw. Fritz B. Simon) hilfreich sein, den Krankheitsbegriffs als solchen zunächst zu dekonstruieren. Hierfür legt man als erstes seine gewohnte Brille ab und wirft alle bisherigen Vorstellungen von Krankheit über Bord. Nun hinterfragt man das Konzept der Krankheit als ein im Individuum vorhandenes, sinnloses Ding. Hierfür stellt man das „abweichende“ Verhalten eines Menschen (wie z.B. übermäßige Angst) in seinen zeitlichen und sozialen Kontext. Man erörtert, wann das Verhalten wie genau und in welchem Zusammenhang auftritt bzw. wann es nicht auftritt.

Die Bedeutung des Kontextes

Zunächst nicht verstehbare psychische Erkrankungen bzw. Symptome können so möglicherweise zu Handlungen umdefiniert werden, die ihren eigenen- wenn auch vom Durchschnitt abweichenden – Rationalitäten folgen. Möglicherweise offenbart sich nun ein Sinn, an den angeknüpft werden kann.
Verdeutlichen kann man sich dies an einem (stark vereinfachten) Beispiel: Denken Sie sich einen Menschen, der auf der Arbeit und auf dem Weg zur Arbeit an Panikattacken leidet – sonst aber nicht. Die Angst wäre in diesem Fall nichts, was dem Menschen per se innewohnt. Dann müsste sie ja immer da sein. Sie wäre vielmehr eine kontextgebundene Erscheinung.

Funktionale Analyse

Hat man den Kontext eines Symptoms hinreichend erörtert, kann man mit der Funktionalen Analyse fortfahren. Weitere Informationen hierzu finden Sie bspw. bei Roland Schleiffer (insbes. ab S. 13).

1. Schritt: Konstruiere ein Problem

Im Kern der Funktionalen Analyse steht folgende Frage:

Für welches Problem kann das gezeigte Verhalten eine Lösung (für das innere oder äußere System) sein?

Ein Patentrezept für die Beantwortung dieser Frage gibt es nicht. Dafür sind Menschen und die Systeme, in denen sie sich bewegen, zu einzigartig und zu komplex. Dennoch gibt es Orientierungspunkte. So können Symptome auf primärer Ebene dem Spannungsabbau des Organismus dienen (z.B. zittern bei Angst). Oder sie erfüllen auf sekundärer Ebene einen Zweck für die Psyche, bspw. um etwas zu bekommen, was man sonst nicht bekäme (z.B. Aufmerksamkeit), oder etwas zu vermeiden, was sonst eingetreten wäre (z.B. Leistungserwartungen). Möglicherweise erfüllt die Erkrankung bzw. das Symptom auch keine Funktion für das innere System, sondern für ein äußeres, soziales System. Unter diesem Aspekt könnte der „Angstgestörte” bspw. ein Platzhalter für ein Struktur- und/oder Teamproblem am Arbeitsplatz sein.

2. Schritt: Konstruiere eine neue Lösung für das Problem

Im Anschluss wird nach Funktionsäquivalenzen gesucht, welche für den Betroffenen mit weniger Nachteilen verbunden sind. Für das Angst-auf-der-Arbeit-Beispiel könnte dies Folgendes bedeuten: Erfüllt die Panikattacke bspw. die Funktion, sich zu hohen Leistungsansprüchen durch den Arbeitgeber zu entziehen, so wäre zu überlegen, was der Betroffene zukünftig tun kann, um sich den Lesitungsansprüchen ohne Panikattacken zu widersetzen. Hier wären z.B. Selbstschutz-Maßnahmen, Arbeitsplatzwechsel, Änderung der Arbeitsgewohnheiten, Gesprächen mit dem Kollegen und/oder dem Chef etc. denkbar.

Fazit

Keine Perspektive auf psychische Erkrankungen ist wahrer oder unwahrer als die andere. Und ganz gleich ob klassische, personenbezogene oder systemtheoretische, kontextbezogene Perspektiven: Es sollte nicht um ein konkurierendes „statt dessen” gehen. Die Flexibilität in der Betrachtung des Einzelfalls ist entscheidend und gut ist, was dem Zu-Beratendem hilft.

Mann auf dem Gipfel © PonsakornJun (weitere Informationen s. Impressum)

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