Alles ist sinnlos. Betroffene sind wie vom Leben ausgesperrt. Das Leben ist trostlos und jeder Tag wiegt tonnenschwer. Laut einer Studie der DAK ließen sich im Jahr 2018 rund 2,2 Millionen Menschen aufgrund eines psychischen Leidens krankschreiben. Die Depression ist dabei unter den Diagnosen der traurige Spitzenreiter. Bis zu 30 Prozent aller Depressionen nehmen einen chronischen Verlauf. Der Leidensdruck der Betroffenen (und der Angehörigen) ist enorm.

Was können Betroffene und deren Angehörige tun? Vor allem dann, wenn Sie bereits alles Erdenkliche ausgeschöpft haben?
Aus meiner Sicht als systemische Beraterin möchte ich Ihnen im Folgenden eine Möglichkeit aufzeigen, Depressionen neu zu bewerten und so alternative Wege aus der Leere zu finden.

„Klassische” Erklärungsmodelle: Depression als Krankheit

Hierfür fangen wir zunächst ganz vorne an: Was genau ist eigentlich eine Depression? Unter einer Depression wird eine „Krankheit“ bzw. „Störung“ verstanden, welche sich durch unterschiedliche Symptome (nachzulesen z.B. im ICD 10) äußert. Ähnlich wie bei körperlichen Erkrankungen, z.B. einer Rückenerkrankung, gilt es, zunächst die Ursache für die Depression herauszufinden. Kennt man die Ursache, kann man sie heilen. Wie diese Heilung konkret aussieht, variiert je nach psychotherapeutischem Ansatz.

Psychoanalyse und Verhaltenstherapie

Da wären bspw. die Psychoanalytiker. Für sie ist eine Depression die Folge eines (unbewusst) nach Innen gewendeten Zorns. Folglich werden sie die Heilung in der Einsicht in verdrängte Konflike suchen. In der Verhaltenstherapie bzw. in kognitiven Therapien werden hingegen neue Denk- und Verhaltensweisen erlernt. Gehen doch Verhaltenstherapeuten davon aus, dass depressives Denken bzw. Verhalten erlernt wird. Gerne streiten sich die Verfechter des einen Ansatzes mit denen des anderen. Dennoch ist ihnen gemein, dass sie eine Depression als eine dem Individuum innewohnende Krankheit sehen. Der Systemiker jedoch beobachtet die Lage anders.

Systemischer Erklärungsansatz: Depression als (Beziehungs-)Muster

Der Systemiker beobachtet eine Depression in einem größeren Zusammenhang. Depressives Verhalten ist für ihn mehr ein Verhaltensmuster, das in einem bestimmten Kontext auftritt, als eine Verhaltensstörung. Der Betroffene ist aus systemischer Sicht nicht depressiv, sondern er verhält sich im Kontakt mit anderen (in seinen Systemen) depressiv.

Eine Depression ist aus systemischer Perspektive keine sinnlose Krankheit. Sie ist vielmehr ein Verhaltensmuster, das eine Funktion für den Betroffenen und sein Umfeld erfüllt (s. dazu auch meinen Artikel über die Funktion von psychischen Erkrankungen). Welche Funktion das sein kann, ist nicht zu pauschalisieren. Aber sie ist im Rahmen einer Beratung individuell zu entschlüsseln. Ziel ist es sodann, depressive Verhaltensmuster nach und nach aufzugeben, indem andere Verhaltensmuster gefunden werden, die die gleiche Funktion erfüllen. Schauen wir uns hierfür ein Beispiel aus der Praxis an:

Ein Erfolgsbeispiel

Frau A. kam in die Beratung, da sie seit ca. 2,5 Jahren unter einer Depression litt. Sie ist verheiratet. Ihre Kinder sind 18 und 20 und leben noch zu Hause. Seit ungefähr 3 Jahren, die Jüngste wurde gerade „vollpubertär”, kam es zwischen ihrem Mann und den Kindern immer wieder zu Streitigkeiten. Teilweise herrschte zu Hause eisige Stille und Kinder und Mann gingen sich vermehrt sogar ganz aus dem Weg. Frau A. rieb sich auf. Sie versuchte immer wieder erfolglos zu vermitteln. Es ging ihr zunehmend schlechter. Am Ende musste sie sogar stationär aufgenommen werden.

Im Laufe der Beratung erkannte Frau A., dass ihr depressives Verhalten (mindestens) zwei durchaus sinnvolle Funktionen erfüllte. Zum einen konnte sie sich mit ihrer Hilfe das erste Mal aus der für sie zunehmend unerträglichen Situation herausziehen. Zum anderen kamen die drei Streithähne über die gemeinsame Sorge sowie notwendigen Alltagsabsprachen wieder in Kontakt. Die Neubewertung der Depression als Lösungsstrategie hat Frau A. sehr gut getan. Sie fühlte sich weniger wert- und nutzlos. Vorsichtig begann sie, neue Strategien zu entwickeln, wie bspw. Nein-Sagen, „Schutzräume” zu suchen und den Konflikt dort zu lassen, wo er ist – nämlich bei Ihrem Mann.

Fazit

Mit dem Thema Depressionen muss stets sensibel und sehr aufmerksam umgegangen werden. Sie sind als Hilferuf zu verstehen und dürfen niemals einfach abgetan werden. Ein großes Spektrum an Heilungsangeboten ist für die Betroffenen sinnvoll. Depression als Verhaltensmuster zu verstehen, das eine sinnvolle Funktion für den Betroffenen und sein Umfeld erfüllt, kann eine Erweiterung zu „klassischen” Erklärungsmodellen sein. Diese Sichtweise kann nicht nur neue Wege der „Heilung” aufzeigen, sie kann möglicherweise auch helfen, sogenannte psychische Erkrankungen zunehmend zu entstigmatisieren.

Für Interessierte: Wenn auch keine Pauschalisierungen möglich sind, so gibt es doch mögliche Funktionen einer Depression, die häufiger beobachtet werden als andere. Einen kleinen Überblick bieten hier bspw. Jochen Schweitzer und Arist von Schlippe in ihrem „Lehrbuch der systemischen Therapie und Beratung II”, Göttingen 2007, ab S. 68.

„Mann (geht) aus einem dunklen Tunnel raus” © francescoch (weitere Informationen s. Impressum)

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