Wege aus der Krise Lesezeit ca. 8 Minuten
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Wir alle haben im Lauf unseres Lebens gelernt, dass kleine und große, private und globale Krisen unvermeidbar zum Leben dazugehören. Mehr noch: Uns wird seit Jahr und Tag versprochen, ja fast schon gepredigt, dass Krisen große Möglichkeiten sind, um zu wachsen und uns selbst oder unser Umfeld zum Positiven zu verändern.

Vielleicht haben auch Sie bereits die ein oder andere Krise überwunden und wissen so prinzipiell sogar aus eigener Hand, dass an diesem Versprechen in den allermeisten Fällen auch tatsächlich etwas dran ist. Und doch: Wir fürchten uns alle immer wieder aufs Neue vor Krisen.

Denn auch wenn immer wieder gern von der „Krise als Chance” gesprochen wird, sind Krisen in erster Linie das, was sie nun einmal sind: nämlich Krisen. Und diese bringen jede Menge unangenehme Gefühle wie Angst, Verzweiflung, Ohnmacht und Wut mit sich.

Vielleicht stecken auch Sie gerade nicht nur in der Corona-Krise, sondern haben darüber hinaus auch mit privaten Themen zu kämpfen. Und möglicherweise fragen Sie sich schon länger, was Sie tun können, um möglichst schnell und unbeschadet aus Ihrer Krise herauszufinden.

Vielleicht kann dieser Beitrag Sie ein wenig dabei unterstützen. Als Beraterin und Coach gehört das Thema Lebenskrise zu meinem täglich Brot. Ich zeige Ihnen, wie sie entsteht, welche Phasen sie durchläuft und was Sie aktiv tun können, um den Weg aus der Krise zu finden.

Wie Krisen entstehen

Am Anfang einer Krise steht fast immer eine Veränderung, die in unser Leben tritt und unser gewohntes Leben durcheinanderwirbelt und (ver)stört – Lottogewinne, das Erscheinen der großen Liebe o.ä. einmal ausgenommen ;-).

Krisen Veränderung Angst

Veränderungen – insbesondere unfreiwillige – haben es so an sich, dass sie für die meisten Menschen beängstigend sind, denn sie wühlen jede Menge Gefühle auf. So werden wir z.B. unsicher, fürchten uns und sind traurig oder wütend.

Wenn Sie schon einmal Knall auf Fall verlassen wurden, Sie entdeckt haben, dass Ihr*e Partner*in Sie hintergangen hat oder Ihr Chef Sie von heute auf morgen in ein neues Team versetzt hat, wissen Sie vermutlich, wovon ich rede.

Veränderung und Krise

Führt nun also jede Veränderung automatisch in eine Krise? Aus eigener Erfahrung werden Sie wissen: Ganz so dramatisch ist es nicht. Belastende Krisen entstehen zumeist erst dann, wenn man im „Verdauungsprozess” steckenbleibt.

Vielleicht kommt Ihnen folgendes Beispiel bekannt vor: In Ihrer Beziehung haben sich grundlegende Dinge zu Ihrem Nachteil verändert (Streit, Lieblosigkeit, mangelnde Sexualität, Nebeneinanderherleben, … ). Sie haben über Jahre versucht, Ihre Partnerschaft zu kitten.

Veränderungen Krisen fünf vor Zwölf

Und Ihr Kopf weiß längst, was zu tun wäre – nämlich sich zu trennen. Aber das Herz kann oder will einfach nicht das fühlen, was der Verstand längst weiß. Und so verharren Sie – möglicherweise auch über Jahre hinweg – in Ihrer jetzigen Situation und geraten somit früher oder später in eine Lebenskrise.

Wie Krisen verlaufen: Die 7 Phasen der Veränderung

Wenn Krisen im Rahmen von Veränderungen entstehen, stellt sich die Frage, wie Veränderungsprozesse in der Regel vonstatten gehen.

Richard K. Streich liefert hierfür ein schönes Modell, das m.E. eine sinnvolle Ergänzung zu ähnlichen Modellen, wie z.B. den Trauerphasen von Kübler- Ross oder den Phasen der gesellschaftlichen Veränderung von Lewin, darstellt.

Die 7 Phasen der Veränderung nach Richard K. Streich
Richard K. Streich: Fit for Leadership. Führungserfolg durch Führungspersönlichkeit, 2. überarb. und erw. Aufl., Wiesbaden 2016, S.24.

Selbstverständlich handelt es sich bei diesem Modell um einen atypischen Verlauf. Es ist nicht als Diagnosekatalog zu betrachten, sondern als Orientierungshilfe. In meinem Beratungsalltag erlebe ich jedenfalls häufig, dass es für Menschen erleichternd und hilfreich ist, sich in eine von Streichs Phasen einzuordnen. Probieren Sie es doch einfach einmal aus!

Beispiel: Plötzliche Trennung vom Partner

Phase 1: Der Schock

Der Schock zeichnet sich durch eine große Differenz zwischen eigener Erwartung und eingetroffener Realität aus. Die eigene wahrgenommene Kompetenz, das Geschehen beeinflussen zu können, läuft gen Null. Sprich:

Sie kommen abends nach Hause. Auf dem Tisch liegt ein Zettel: „Ich bin ausgezogen. Es tut mir leid.” Sie laufen fassungslos umher, blicken in den Kleiderschrank. Der Schrank ist leer. Ihr Herz bleibt stehen. Sie sind fassungslos.

Phase 2: Die Verneinung

Die wahrgenommene eigene Kompetenz steigt nach dem Schock wieder ein wenig an. Sie sind abgeschnitten von Ihren Gefühlen und Sie machen wie eine Art Roboter das, was Sie jeden Abend tun.

Krisen Verdrängung

Sie essen Abendbrot, setzen sich noch einmal an den Laptop oder den Fernseher, gehen zum Sport… ganz nach dem Motto: „Er wird schon wieder kommen. Das ist doch nur ein Scherz.”

Phase 3: Die rationale Einsicht

Nach einiger Zeit (wie viel Zeit vergeht, ist dabei sehr individuell) beginnen Sie zu verstehen, dass Ihr Partner tatsächlich weg ist und nicht wieder kommt. Sie sammeln nun jede Menge rationale Gründe, warum es sogar gut ist, dass er endlich weg ist.

Sie stürzen sich in Aktionismus. Der Garten muss umgegraben werden, die nächste Party wartet, Sie melden sich siegessicher bei Tinder an etc. Sie denken, Sie sind der erste und einzige Mensch, der Liebeskummer ohne das Tal der Tränen übersteht.

Phase 4: Die emotionale Akzeptanz

Während Sie in Ihrem Beet oder in der vierten langweiligen Verabredung sitzen, schießen Ihnen plötzlich die Tränen in die Augen. Die eigentliche Trauerarbeit beginnt und Sie fangen an, Abschied zu nehmen. Sie igeln sich (tatsächlich oder sinnbildlich) ein, weinen viel, wüten vor sich hin o.ä.

In dieser Phase haben Sie das Gefühl, keinerlei Möglichkeit zu besitzen, die Situation steuern oder aktiv verbessern zu können. Für fast alle Menschen ist dies die schlimmste Phase.

Phase 5: Ausprobieren

Langsam aber sicher rücken Abschiedsschmerz, Wut und andere negative Gefühle in den Hintergrund. Sie kommen vermehrt wieder zu Kräften.

Krise Veränderung Neustart

Sie schauen sich erstmals wieder in der Welt um und probieren vielleicht Dinge aus, die Sie schon immer ausprobieren wollten, es aber Ihrem Partner zu Liebe nie getan haben. Möglicherweise üben Sie sich langsam aber sicher wieder im Flirten. Vielleicht färben Sie sich die Haare oder legen sich eine Kurzhaarfrisur zu.

Phase 6: Erkenntnis

Nach jedem Ausprobieren wägen Sie ab: Erfolgsmodell oder Rückschlag. Sie lernen neue Dinge über sich, bekommen positive oder negative Rückmeldungen vom Außen. So wursteln Sie sich langsam durch und entwickeln einen neuen Selbst- und/oder Lebensentwurf.

Phase 7: Integration

Sie integrieren Ihre Erkenntnisse über sich, Ihren Ex-Partner und die Beziehung als solche mehr und mehr in Ihren Alltag. Die Krise wird in der Rückschau im besten Fall als Wachstumsphase und Chance, zumindest aber als überlebbar, reflektiert.

Wie Sie Krisen überstehen: 7 Tipps

#1 Selbstliebe ist in der Krise wichtiger denn je

Am härtesten trifft es uns, wenn die emotionale Akzeptanz eintrifft. Hier ist die empfundene eigene Handlungskompetenz am niedrigsten. Sie fühlen sich ohnmächtig und hilflos.

Viele Menschen neigen in dieser Phase dazu, sich für Ihr Leid zu verurteilen und sich quasi „selbst noch zusätzlich eins auf den Deckel zu geben”. Versuchen Sie alles, um dies irgendwie zu vermeiden! Sie dürfen traurig sein und mit dem Leben hadern. Haben Sie sich lieb! Tun Sie sich Gutes – zu viel gibt es nicht.

Schauen Sie hierzu auch gern auf meinem Selbstliebe-Beitrag vorbei. Vielleicht können Ihnen einige der Tipps in Ihrer schweren Zeit helfen.

#2 Lass dich nicht von Verneinungsschleifen austricksen

Ebensowenig, wie es gut ist, auf ewig in Trauer, Wut und Selbstvorwürfen zu verharren, ist es hilfreich, in Verneinungsschleifen zu leben. Diese sind zwar ein gern gesehener Helfer, um die eigenen Gefühle zu verbuddeln, stellen aber auf Dauer leider ein Steckenbleiben in der “Verneinungsphase” dar.

Krise Veränderung Hoffnung Akzeptanz

So hindern Sie die Schleifen daran, den Veränderungsprozess irgendwann einmal hinter sich bringen zu können. Wenn Sie so wollen, sind Sie verdammt, für den Rest Ihres Lebens in blindem Aktionismus zu leben.

#3 Erinnere dich an überstandene Krisen

Suchen Sie Trost oder Antrieb darin, dass Sie bereits andere Krisen gemeistert haben! Vielleicht kann es Ihnen helfen, sich aufzuschreiben, wie Sie damals welche Phase erlebt und durchgestanden haben.

Versuchen Sie die Vogelperspektive einzunehmen: In welcher Phase befinden Sie sich gerade? Was hat damals in dieser Phase geholfen? Könnte dies auch heute helfen und wenn ja – wie können Sie die benötigten Ressourcen reaktivieren?

#4 Kein Gefühl kann ewig dauern

Aktuelle Forschungsergebnisse zeigen: Gefühle kommen und gehen. Unser Gehirn traut uns nur gerade so viel zu, wie wir stemmen können, und dann gönnt es uns auch wieder eine Pause.

Wenn der Schmerz Sie gerade komplett überwältigt, weil Sie in der emotionalen Verarbeitungsphase sind, versuchen Sie in den ganz dunklen Stunden an Folgendes zu denken: Nach spätestens 30 Minuten lässt der schlimmste Schmerz für eine Weile wieder nach. Probieren Sie es aus! Starren Sie, wenn es sein muss, auf die Uhr und zählen Sie die Minuten. Glauben Sie mir, Sie können sich auf sich verlassen!

Krise Veränderung Erkenntnis

Nutzen Sie dieses Wissen, um kleinschrittig zu denken! Vergessen Sie das Morgen! Denken Sie zunächst nur an die nächste Stunde!

#5 Such dir Gleichgesinnte

Sie haben gerade Ihre große Liebe oder Ihren Traumjob verloren? Dann dürfen Sie Pärchen oder Durchstarter meiden!

Umgeben Sie sich eine Weile mit Menschen, denen es ähnlich ergeht wie Ihnen. Heulen und schimpfen Sie gemeinsam! Es kann sehr heilsam sein, nicht allein mit seinem Kummer zu sein. In Zeiten von Corona ist das nicht immer ganz einfach: Aber zum Glück gibt es Handys, Skype, Internetforen und -gruppen etc.

#6 Nutz gute Momente für Visionen und Zukunftspläne

So schlecht es Ihnen auch gehen mag, selbst in der tiefsten Verzweiflung gibt es winzige helle Momente. Versuchen Sie, diese zu erwischen und wieder auszunutzen – seien sie auch noch so klein!

Misten Sie Ihr Haus oder Ihre Wohnung aus! Trennen Sie sich von unnötigem Ballast und kommen Sie wieder in Bewegung.

Krisen Freiheit Neubeginn

Lähmung tut dem Menschen nicht gut. Egal, was Sie tun, tun Sie irgendetwas! Schaffen Sie sich Visionen! Träumen Sie! Gönnen Sie Ihrem Hirn positiven Input und geben Sie sich das Gefühl, wieder handlungsfähig zu sein!

Vielleicht kann Ihnen an dieser Stelle auch mein Beitrag Erfolgreiches Selbstcoaching – In 6 Schritten zum Erfolg weiterhelfen.

#7 Vertrau dir und schau dich nicht um

Um eine Krise zu überwinden, gibt es nicht den einzig wahren Weg. Der eine braucht eine lange Verneinungsphase. Der nächste trauert länger als der Durchschnitt. Wieder jemand anders durchläuft die Phasen blitzschnell und hat bspw. schon nach 2 Wochen einen neuen Partner. Schauen Sie möglichst wenig nach links und rechts, lassen Sie sich trösten, aber nicht verunsichern.

Niemand kennt Sie besser als Sie sich selbst. Vertrauen Sie sich und Ihrem Weg. Und sollten Sie auf diesem Weg irgendwann ein ungutes Gefühl bekommen und merken, dass Sie allein trotz aller Bemühungen nicht weiterkommen, dann scheuen Sie sich nicht, sich Hilfe, z.B. in Form einer Beratung oder eines Coachings, zu holen!

Manche Krisen sind allein einfach nicht zu überwinden. Fast jeder Mensch stand schon einmal an einem solchen Punkt im Leben: Das ist wahrlich kein Beinbruch.

Was sind Ihre und Deine Erfahrungen mit Krisen? Was haben Sie/hast Du getan, um Ihre/Deine Krise zu meistern? Ich freue mich über weitere Tipps in den Kommentaren.

Tunnel © Michael Gaida auf Pixabay; Verzweiflung © von Anemone123 auf Pixabay; 7 Phasen der Veränderung (Richard K. Streich): Richard K. Streich: Fit for Leadership. Führungserfolg durch Führungspersönlichkeit, 2. überarb. und erw. Aufl., Wiesbaden 2016, S.24. Stempel No! © Ulrike Leone auf Pixabay; Crastest-Wagen @ Free-Photos auf Pixabay; Glühbirnen © Free-Photos auf Pixabay; Frau am Strand © Anemone123 auf Pixabay

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