Selbstoptimierungswan beenden Lesezeit ca. 5 Minuten
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Schöner, gesünder, produktiver, achtsamer…
Wir wissen es selbst und doch wird es uns tagtäglich zur Sicherheit noch einmal unter die (zu große?) Nase gerieben: Wir können von allem immer noch ein bisschen mehr. Alles ist jederzeit erreichbar, wenn wir nur konsequent an einer besseren Version unserer selbst arbeiten. Selbstoptimierung ist „in“.

Optimierungs-Ratgeber überfluten die Bücherregale und das Netz. „Das Kind in dir MUSS Heimat finden“ befiehlt die Psychologin Stefanie Stahl. Die Fitness-App Freeletics verspricht „die beste Form deines Lebens“ und „Der Ernährungskompass“ garantiert, uns verlässlich an den Untiefen der schlechten Ernährung vorbeizulotsen.

Doch ist unsere 2.0 Version denn tatsächlich glücklicher, gesünder und produktiver?

In diesem Beitrag möchte ich Ihnen aus meiner Perspektive als systemische Beraterin und Coach zeigen, warum es sich auch für Sie lohnen kann, dem Selbstoptimierungswahn den Rücken zu kehren.

Sie sind es leid, diszipliniert und kontrolliert zu leben, um immer und überall das Beste aus sich herauszuholen? Sie möchten aus dem „höher-schneller-weiter-es-ist-immer-fünf-vor-zwölf-Modell“ aussteigen? Dann habe ich gute Nachrichten für Sie: Eine Menge Argumente sprechen dafür, dass das eine sehr gute Idee ist.

Kreidetafel mit dem Schriftzug: Fünf vor Zwölf_Update

3 gute Gründe, um dem Selbstoptimierungswahn ein Ende zu setzen

Grund 1: „Ich bin nicht gut genug.” – Selbstoptimierung kann Minderwertigkeitskomplexe nähren

Stellen Sie sich einmal vor, Sie sind die vermeintlich mickrige Version 1.0 Ihrer Selbst. Jeden Tag geben Sie Ihr Bestes und bemühen sich, alles richtig zu machen. Aber statt gelobt zu werden, bekommen Sie nur jeden Tag aufs Neue zu hören, dass alles, was Sie tun, (immer noch) nicht reicht.

Denn Ihnen sitzt ein kleines, hartnäckiges Männchen namens Selbstoptimierung auf der Schulter, das Ihnen zuflüstert: „Du bist nicht schön, nicht produktiv, nicht bindungsfähig (…) genug.“

Keine schöne Vorstellung, oder?

Es ist sehr mühsam, unter diesen Bedingungen zu wachsen. Nicht selten entsteht vielmehr das Gefühl, klein und minderwertig zu sein. Mit persönlicher Weiterentwicklung hat das wenig zu tun.

Versagensangst: Verzweifelte Frau sitzt auf einer Bank

Mit Konsum allerdings schon, denn es mag einleuchten, dass man Menschen, die sich als unzureichend empfinden, im Weihnachtsgeschäft sehr schön einen Crosstrainer, einen Ratgeber, ein Gesundheitskochbuch etc. verkaufen kann.

Grund 2: „Ich bin selbst schuld.” – Selbstoptimierung nimmt keine Rücksicht auf individuelle Lebensumstände

Wenn jederzeit für jeden Menschen alles möglich ist, dann liegt der Gedanke nahe, dass es zwangsläufig an Ihnen liegen MUSS, wenn Sie an einem Vorhaben scheitern.

Vielleicht kennen Sie das: In irgendeinem Beziehungsratgeber haben Sie gelesen, dass die vermeintlich bessere Version Ihres jetzigen Selbst Ihrem Partner mehr Freiraum geben sollte. Eifersucht sollten Sie besser gänzlich unterbinden und überhaupt: Erst wenn Sie sich selbst mehr lieben, können Sie eine „gesunde“ Beziehung führen.

Metapher Versagen: Frau liegt auf einem rissigen Boden. Das Gesicht ist von ihren Harren bedeckt

Nun, vielleicht mag da etwas dran sein. Vielleicht aber auch nicht. Möglicherweise sind Sie sehr in Ordnung, so wie Sie sind. Denn möglicherweise ist einfach der Partner an Ihrer Seite nicht der richtige Partner für Sie.

Gleiches gilt für Ihren Job. Vielleicht sind Sie durchaus produktiv und strebsam genug, aber Ihr Job ist schlicht nicht der richtige Job für Sie.

Einem Eisbär in der Wüste würde man wohl auch eher empfehlen, die Wüste zu verlassen, als sich Schlangenhaut wachsen zu lassen.

Grund 3: „Wenn…dann.” – Selbstoptimierung verliert das Heute aus dem Blick

Selbstoptimierung spielt mit dem „wenn-dann-Prinzip“. Wenn Sie erst einmal dünner sind, dann finden Sie einen Partner. Wenn Sie entspannter sind, führen Sie ein glücklicheres Leben usw.

Das kann unterschiedliche Gefahren mit sich bringen:

Selbstoptimierung richtet sich immer in die Zukunft. Das kann dazu führen, dass Sie die Gegenwart aus dem Blick verlieren. Zum einen können Sie so die Haben-Seite des Jetzt nur schwer genießen. Sie verschieben quasi das Genießen, das sich-Freuen, das stolz und glücklich Sein ewig auf Morgen.

Leben in der Zukunft, nicht im Hier und Jetzt. Mann mit Fernglas in Frontalansicht

Zum anderen können Sie sich ganz wunderbar von gegenwärtigen Problem-Schauplätzen ablenken. Diese Prinzip haben Sie vielleicht in anderen Zusammenhängen schon einmal erlebt:

Wenn ich erst einmal ein Haus baue oder wenn ich erst einmal Kinder bekomme, dann klappt es auch wieder mit meinem Partner. Und dann wissen Sie auch: Solche Lösungsversuche gelingen nur in den aller seltensten Fällen.

Zu guter Letzt laufen Sie Gefahr, in ein Hamsterrad zu gelangen. Denn wo bzw. besser wann soll die Selbstoptimierung enden? Wann sind Sie optimal? Vermutlich nie…

Ich bin gut so, wie ich bin: Weiterentwicklung statt Selbstoptimierung

In meiner Beratung erlebe ich häufig eine große Erleichterung bei meinen Kunden, wenn sie sich erlauben, nicht alles können zu müssen. Der Satz „Ich bin gut so, wie ich bin“ ist oft der Anfang einer weitreichenden Veränderung.

Zwei Hände mit dem Schriftzug: Ich bin genug auf den Fingernägeln

Ich denke, wenn Sie vor einem Problem stehen, dann geht es nicht darum, ein optimales Selbst zu erschaffen. Es geht vielmehr darum, optimale Lösungen für sich und Ihre ganz individuellen Lebensumstände zu finden. Möglicherweise kann Ihnen hierbei auch mein Beitrag Selbstliebe: 5 Tipps für ein besseres Leben mit dir selbst helfen.

Werden sie sich selbst gerecht! Sehen und achten Sie Ihre Grenzen! Machen Sie sich bewusst, dass Sie natürlich versuchen können, sich zu verändern; aber Sie müssen es nicht!

Aktueller Tipp: Vorsätze fürs Neue Jahr

Sie haben sich schon Vorsätze fürs Neue Jahr überlegt? Stellen Sie sich doch in Anlehung an die obigen Aspekte einmal folgende Fragen:

Sind Ihre Ziele fair und realistisch? Was liegt ganz obenauf? Und was können Sie getrost streichen, weil es unnötig Druck aufbaut? Müssen Sie wirklich sich selbst ändern oder müssen Sie sich vielleicht eher ein neues Umfeld suchen?

Vielleicht verzichten Sie auch gänzlich auf jeden guten Vorsatz und essen am Silversterabend eine große fettige Pizza. Sie leeren auch noch den letzten Schluck aus der Sektflasche und lassen die Gläser und Teller im Wohnzimmer stehen.

Und dann schauen Sie Neujahr in den Spiegel, freuen sich über den netten gestrigen Abend und sagen sich schmunzelnd:

„Was soll`s!? Ich bin gut so, wie ich bin!“ 😉

Selbstoptimierung: Zauberwürfel © lloorraa auf Pixabay
Versagensangst © Ryan McGuire auf Pixabay
Frau liegt auf dem Boden/Mann mit Fernglas © Free-Photos auf Pixabay
Hände: Ich bin genug © jdalton1216 auf Pixabay

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