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Ihre Familie gehört zu den 14 Prozent, die als Patchworkfamilie zusammenlebt!? Dann kommt Ihnen hiervon vielleicht das ein oder andere bekannt vor:

Sie haben Ihren Kindern gegenüber ein schlechtes Gewissen, weil Sie mit der Kernfamilie gescheitert sind? Der Sohn Ihres Partners akzeptiert Sie nicht? Oder vielleicht sind Sie auch insgeheim eifersüchtig, wenn Ihre Partnerin jeden zweiten Tag mit Ihrem Ex-Mann telefoniert, weil es schon wieder etwas wegen der Kinder zu klären gibt?

Mit diesen oder ähnlichen Problemen sind Sie nicht allein! Sich als Patchworkfamilie zurechtzufinden, ist eine Herausforderung für alle Beteiligten – sowohl für die Erwachsenen als auch für die Kinder.

Alte, häufig schon lange bestehende Systeme prallen aufeinander. Die Verbindung in das „alte Leben” bleibt in Form der Elternschaft bestehen und muss nun irgendwie gehändelt werden. Häufig geht diese Aufgabe mit tabuisierten Themen wie Wut, Schuld und Eifersucht einher.

Mit meinem Beitrag möchte ich Ihnen Mut machen und Ihnen zeigen, was Sie aktiv tun können, um sich das Zusammenleben in Ihrer neuen Familie zu erleichtern. Hierfür habe ich für Sie vier Anregungen aus meinem Beratungsalltag zusammengetragen. Schauen Sie doch einfach mal rein: Vielleicht ist ja auch für Sie etwas Hilfreiches dabei!?

# 1 Du bist kein Übermensch: Brich das Tabu!

Sie schämen sich, weil Sie sich beizeiten dabei ertappen, dass Sie auf den ganzen Patchworkkram keinen Bock mehr haben? Sie sind manchmal total genervt, weil ständig der Expartner/die Expartnerin Ihres neuen Partners in Ihrem Leben herumwuselt? Und manchmal gucken Sie das Kind Ihres Partners an und sind eifersüchtig, weil es nicht von Ihnen ist?

Ich habe gute Nachrichten für Sie: Das ist ganz normal!

Gefühle funktionieren nicht nach dem „will-ich-oder-will-ich-nicht-Prinzip“. Sie haben sich Ihre Gefühle nicht ausgesucht und Sie tragen keine Schuld an dem, was Sie fühlen.

Raum für vermeintlich schlechte Gefühle schaffen

Wir haben zumeist gelernt, dass es gute und schlechte Gedanken oder Gefühle gibt. So passiert es dann fast automatisch, dass wir vermeintlich schlechte Gefühle wie Neid, Scham, Eifersucht o.ä. zensieren.

Wer spricht schon gern darüber, dass er als Erwachsener auf ein Kind eifersüchtig ist? Oder dass er permanent über seinem Kind helikoptert, um sein schlechtes Gewissen zu kompensieren?

Frau hält sich einen Finger auf den Mund.

Fassen Sie Mut und versuchen Sie noch heute, Ihr ganz persönliches Tabuthema zu durchbrechen. Dafür können Sie sich einen Gesprächspartner suchen, müssen es aber nicht. Manchmal reicht es schon aus, sich vermeintlich schlechte Gefühle zu erlauben, um sich bedeutend besser zu fühlen.

Sorgen brauchen Sie sich erst dann, wenn Sie einen Leidensdruck verspüren und bemerken, dass die bedrückenden Gefühle die leichten überwiegen. Dann helfen Ihnen möglicherweise die folgenden zwei Anregungen weiter.

# 2 Mach tabula rasa: Klär deine Themen mit dir!

Wenn eine Beziehung mit gemeinsamen Kindern zerbricht, hat dies weitreichende Folgen. Sie müssen sich nicht nur von ihrer Partnerschaft verabschieden, sondern höchstwahrscheinlich auch von Ihren Wunsch- und Idealvorstellungen, die Sie von Elternschaft und Familie hatten.

Das kann sehr schmerzhaft sein. Und manchmal tragen wir etwas von diesem alten Schmerz mit in unsere Gegenwart. Hand aufs Herz: Ist möglicherweise etwas von dem Gefühl versagt zu haben in Ihnen zurückgeblieben?

Vielleicht ertappen Sie sich dabei, wie Sie sich beim Elternabend umschauen und sich fragen, warum SIE es im Gegensatz zu Sandra und Paul nicht geschafft haben, die nächsten 30 Jahre mit dem Vater oder der Mutter Ihrer Kinder zu verbringen. Dann wäre doch alles so viel leichter gewesen…

Frau sitzt allein am Hafen und schuat aufs Meer.

Oder wollten Sie Ihren neuen Partner schon vor Monaten den Eltern vorstellen und irgendwie ist wie von Geisterhand immer etwas dazwischen gekommen?

Gib dir eine zweite Chance

Zunächst: Wie es Sandra und Paul in Ihrer Partnerschaft ergeht, wissen Sie gar nicht 😉

Versuchen Sie, sich mit Ihren alten Geistern zu versöhnen. Überdenken Sie Ihre Glaubenssätze über die einzig wahre Familie, die perfekte Mutter oder die perfekte Frau. Machen Sie tabula rasa. Misten Sie aus. Wenn Sie sich von altem Ballast befreien, wird Ihnen das in Ihrem Zusammenleben als Patchworkfamilie auf jeden Fall zugutekommen.

# 3 Schau dich ein letztes Mal um: Klär verbliebene Themen mit deinem Ex!

Vielleicht sind Sie auch mit sich selbst im Reinen und brauchen gar nichts mit sich selbst klären. Schuld an allem war schließlich Ihr Ex. Er hat doch das Ding endgültig gegen die Wand gefahren, als er Sie betrogen hat.

Verspüren Sie noch immer Wut auf Ihren Expartner? Ist es schon vorgekommen, dass Sie Ihn manchmal abstrafen? Vielleicht treffen Sie manchmal Entscheidungen über die Kinder heimlich allein oder Sie lassen im Brass vor den Kindern kein gutes Haar an ihm? Und das alles, obwohl Sie doch wissen, dass das für die Kinder nicht gut sein kann.

Sie brauchen sich dafür nicht schämen. Wie bereits erwähnt, Sie sind kein Übermensch. Insbesondere für Ihre Kinder (und indirekt auch für Ihre neue Partnerschaft) kann es sich aber möglicherweise lohnen, sich mit Ihrem Expartner zu versöhnen. Das muss übrigens nicht in persona geschehen.

Zettel mit Ehering und Aufschrift: I´m sorry

Übung: Versöhnung mit dem Expartner

Nehmen Sie sich einen kleinen Teppich, ein Kissen o.ä. und legen es in die Mitte des Raumes. Das ist Ihr Expartner. Stellen Sie sich Ihm gegenüber. Schauen Sie Ihn an. Und nun sagen Sie ihm frei von der Leber weg, was Sie noch zu sagen haben. Lassen Sie nichts aus. Das ist Ihre Chance, Ihrem Groll und Ihrer Trauer unzensiert freien Lauf zu lassen.

Ganz am Ende sagen sie Ihm oder Ihr nach Möglichkeit (ungefähr) Folgendes:

„Du hast mich so sehr verletzt.” Machen Sie einen Moment Pause und sprechen Sie dann weiter: „Aber ich habe auch Fehler gemacht. Unsere Trennung geht auf unser beider Konto.”

Wenden Sie sich dann ab.

Seinem Expartner zu verzeihen, kann unter Umständen ein sehr, sehr schwerer Schritt sein. Ich erlebe in meiner Beratung häufig, dass es der schwerste Schritt überhaupt ist. Doch ist er getan, fühlt es sich für alle, die ihn gehen, ausnahmslos befreiend an. Wenn dieser Berg für Sie allein zu hoch ist, scheuen Sie sich nicht, sich Unterstützung zu suchen. Es kann sich lohnen.

#4 Schau ins Hier und Jetzt: Beachte die zwei goldenen Regeln!

Sie haben sich von Ihrem alten Ballast befreit? Prima, dann können Sie sich jetzt Ihrem Hier und Jetzt in der neuen Familie widmen. Wenn Sie bis hierhin gekommen sind, haben Sie schon unglaublich viel erreicht.

Erfahrungsgemäß ist das Klären Ihrer eigenen Themen bereits mehr als die halbe Miete. Und doch gibt es noch einiges, auf das Sie ein Auge haben können, um ein unbeschwertes Leben als Patchworkfamilie zu fördern. Zwei kleine Impulse möchte ich Ihnen daher noch mit auf den Weg geben.

Aus systemischer Sicht baut eine gut funktionierende Patchworkfamilie u.a. auf zwei Gesetzen auf: Zugehörigkeit und Ausgleich. Zugegeben: Das klingt erst einmal abstrakt. Ist es aber gar nicht 😉

Zugehörigkeit

Dieser Punkt ist besonders wichtig für Ihre Kinder. Wenn eine Person aus Ihrem Patchworksystem ausgeschlossen wird, tendiert diese nämlich dazu, sich in Loyalitätskonflikte zu verstricken. Das können Sie als Erwachsener verhindern.

Zugehörigkeit bedeutet, dass jeder in Ihrer jetzigen Familienkonstellation dazu gehören darf. Damit ist nicht gemeint, dass Ihr Exmann oder die Exfrau Ihres Partners jeden Tag mit Ihnen und den Kindern am Abendbrottisch sitzen muss.

Es geht vielmehr darum, dass Ihre Kinder jederzeit über das nicht anwesende Elternteil sprechen dürfen, es vermissen dürfen, um die Abwesenheit trauern dürfen, Kontakt mit ihm halten dürfen (sofern keine Gewalt o.ä. im Spiel ist) etc.

Das kann eine große Herausforderung sein. Kehren Sie noch einmal zu Anregung drei zurück, wenn Sie an dieser Stelle Schwierigkeiten haben.

Ausgleich

In einer Patchworkfamilie ist es wichtig, dass für alle Familienmitglieder ein Ausgleich an Zeit, Zuwendung, Liebe, Kompromissen etc. gegeben ist. Dies gilt sowohl für Ihre Paarbeziehung als auch für Ihre Kinder (wenn Sie mehrere haben).

Wenn Sie also gerade viel Zeit mit Ihren Kindern verbringen, weil Sie das Gefühl haben, dass diese Sie gerade ganz besonders viel brauchen, dann schaffen Sie parallel Zeiten, in denen Sie sich ihrem Partner widmen.

Mann jongliert mit drei Bällen auf einem Feld

Wenn Sie Ihr gemeinsames, jüngstes Kind gerade besonders viel im Auge haben, nehmen sie sich auch für das ältere Geschwisterchen Zeit usw. Es geht dabei nicht darum, mit der Stoppuhr die Zeiten zu messen.

Sie wissen sicher am besten: Einiges ist schon aus organisatorischen Gründen nicht umsetzbar. Das ist gar kein Problem. Wichtig ist nur, dass langfristig niemand in der Familie das Gefühl bekommt, sich immer hintenanstellen zu müssen.

Fazit

Als Patchworkfamilie hat man häufig ganz besondere Aufgaben zu bewältigen. Kernfamilien lösen sich einerseits auf, spielen aber andererseits in der neuen Familienkonstellation immer eine Rolle. Und nebst organisatorischer Herausforderungen gibt es dementsprechend auch eine Menge emotionaler Herausforderungen.

Das kann manchmal ziemlich anstrengend sein und es kann einem schon einmal die Puste ausgehen. Aber wenn es Ihnen gelingt, sich von ganzem Herzen auf das Projekt Patchwork einzulassen, gewinnen Sie nicht nur eine neue Familie, Sie können auch ganz viel über sich selbst lernen.

Wie ergeht es Ihnen? Mit welchen Schwierigkeiten sehen oder sahen Sie sich in Ihrer Patchworkfamilie konfrontiert? Und haben Sie diese lösen können? Ich freue mich, wenn Sie Ihre Erfahrungen mit uns teilen und einen Kommentar hinterlassen.

Patchworkfamilie © M W auf Pixabay; Schweigen © philm1310 auf Pixabay; Frau am Hafen © SnapwireSnaps auf Pixabay; Abschied © Catkin auf Pixabay; Patchworkhaus © M W auf Pixabay, Jonglieren © Theodor Moise auf Pixabay

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